Veronica Klingemann
Praxis für Gestalttherapie
und Supervision


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Hunger


Wann hört der Hunger auf?


Zum Tod eines fünfjährigen Kindes in Schwerin



Was muß passieren, daß ein fünfjähriges Kind, ein Kind, das in der Regel sprechen, greifen und laufen kann, verhungert.? Wenn schon die Eltern von Lea-Sophie das Kind nicht versorgen, was muß in diesen fünf Jahren passiert sein, daß Lea-Sophie nicht lautstark „Hunger“ gebrüllt hat, ihre Eltern terrorisierte, den Kühlschrank plünderte oder Tierfutter aß? Davon soll genug in der Wohnung gewesen sein

Wenn Kinder auf die Welt kommen, können sie ohne großes Üben ihren Hunger, den sie vermutlich eher als heftiges unspezifisches Unwohlsein erleben, ausdrücken. Später gibt es Gesten, Worte, Handlungen, um diesem Bedürfnis Ausdruck zu verleihen. Jeder der ein hungriges Baby erlebt hat, kennt die Unmittelbarkeit und die Dringlichkeit mit der Säuglinge diese Bedürfnisse ihrer Umwelt mitteilen.

Lea-Sophie ist , bevor sie verhungerte, offensichtlich schon lange nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Bedürfnisse auszudrücken. Sie hat diese Fähigkeit, mit der sie auf die Welt gekommen ist, im Laufe ihres kurzen Lebens verloren.

Der Vermieter der elterlichen Wohnung hat Lea Sophie im Oktober 2006 gesehen. Da war sie ruhig, vielleicht etwas dünn, saß auf dem Schoß ihrer Mutter und schmuste mit ihr. Wann hat Lea Sophie aufgehört, sich verständlich zu machen? Wann hat sie aufgehört zu merken, daß sie hungrig oder durstig ist, wann hat sie verlernt ihre elementarsten Bedürfnisse zu spüren?

Was hat sie in diesen fünf Jahren erlebt, daß dieser Prozeß offensichtlich so still und unbemerkt ablief?

Daß Lea-Sophie verhungerte, ist sehr wahrscheinlich das Ende einer langen Geschichte, in der ein Kind in dieser Welt nicht wachsen konnte, weder gefüttert noch gehegt und immer weniger wird. Kein akutes Versagen, sondern ein Lebensumfeld, in dem Tiere besser leben konnten als Kinder.

Es gibt offensichtlich immer mehr solcher Familien und bevor sich jetzt alle auf das Jugendamt stürzen oder die Nachbarn, diese Geschichte ist länger und vielschichtiger. Um so etwas zu verhindern, brauchen wir gründlichere Analyse, den Mut auch das Unvorstellbare für möglich zu halten (Tiere werden gefüttert, Kinder nicht) und langfristige Strategien und Ressourcen. Übereilte und kurzfristige Schuldzuweisungen nutzen nur dem schlechten Gewissen, nicht dem nächsten gefährdeten Kind.




Veronica Klingemann, Erziehungswissenschaftlerin