Veronica Klingemann
Praxis für Gestalttherapie
und Supervision


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Hotel Mama

Auszug aus der Broschüre:
"18 Jahre, jetzt gehts los
"
http://www.vamv-berlin.de

Hotel Mama



Auf die Idee zu diesem Ratgeber kamen wir durch Beratungen, bei denen sich verzweifelte Eltern mit der Frage auseinander setzen müssen: Kann ich mein Kind einfach vor die Tür setzen? Muss ich dann für das Kind bezahlen, wenn es sich an das Jobcenter wendet? Diese Fragen sollten nach der Lektüre der vorangegangenen Seiten geklärt sein.
Was mache ich mit meinem Kind, wenn es nicht bereit ist, sich einen Job, einen Ausbildungsplatz oder irgendeine andere Art von Beschäftigung zu suchen? Eine Mutter kam mehrfach wieder und wollte immer wieder rechtliche Auskünfte, ob sie ihren Sohn wirklich vor die Tür setzen könnte. Und trotz vieler Informationen ging sie mit einer großen Unsicherheit, ob sie das denn tun könnte.
Diese Unsicherheit lässt sich auch mit den besten Rechtsauskünften nicht vermeiden. Irgendwann werden Sie vor der Situation stehen, Ihr Kind in eigener Verantwortung leben zu lassen. Natürlich haben alle Träume, wie dieses aussehen kann: ein geregelter Schulabschluss, eine Ausbildung, ggf. ein Studium gehören dazu. Und wenn das alles eingetütet ist, ist es vielleicht immer noch schwer, aber weniger quälend, sein erwachsenes Kind seine eigenen Wege suchen und gehen zu lassen.
Und wenn das nicht alles eingetütet ist?
Da gibt es abgebrochene Schulkarrieren, Drogenkarrieren, aber manchmal auch ganz undramatisch Kinder, die nach einem Schulabschluss erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen (obwohl das in den nächsten Jahren leichter wird). Kinder, die sich mit Unsicherheiten und Ängsten plagen, was sie denn wollen. Die einfach zu Hause bleiben und in den Tag hinein leben. Oft mit viel gutem Willen: „ja, ich habe doch schon gemacht“, „ja, ich werde das probieren“, „nein, das ist richtig, lass uns das mal chillig angehen“ und so weiter. Und wenn sie das so sagen und sich auch wirklich Mühe geben und einfach auch noch ein bisschen naiv sind, dann wird es schwer. Vor allem, wenn Sie selber wissen, wie schwierig es ist, sich zu behaupten und seinen Platz zu finden. Und wenn dieses Kind einfach auch so ein wunderbares Kind war oder ist, dann kann es eng werden. Dann vergehen Tage und Monate und alles schleppt sich dahin. Und ganz schnell sind Sie wieder oder noch bei alten Mustern, machen Pläne für Ihr erwachsenes Kind, sammeln Informationen, versuchen anzuschieben und ernten statt Dankbarkeit vielleicht nur ein genervtes „weiß ich doch.“ Vielleicht ernten Sie Dankbarkeit, aber es passiert weiterhin nichts und alles bleibt so wie es ist.
Für Sie beginnt eigentlich die Zeit, wo Sie an sich, Ihre eigenen Wünsche, Planungen denken können und da sitzt immer noch jemand, um den Sie sich Sorgen machen.

Das Ganze gibt es natürlich auch in weiteren Varianten: die Studenten (und tatsächlich sind es mehr Männer als Frauen), die immer noch zu Hause wohnen, weil es so praktisch ist, die vielleicht noch ein Auslandssemester einlegen und dann wiederkommen, die sich freuen, dass zu Hause immer noch alles so ist, wie es war, und den gefüllten Kühlschrank gerne benutzen. Und eigentlich ist es doch ganz schön, dass sie immer noch so gerne zu Hause sind, auch wenn man sie nicht so häufig sieht. Und es würde ja auch knapp werden, wenn sie nun einen eigenen Haushalt führten.

Eltern, und hier insbesondere Mütter, plagen sich mit schlechtem Gewissen, wenn sie wollen, dass ihr Kind auszieht, und sind wieder in der Zwickmühle. Sie möchten den Zustand zu Hause nicht mehr und es ist keine Änderung in Sicht. „Es könnte doch alles so einfach sein, wenn er/sie nur mal.......“ „Wenn ich ihr nicht helfe eine Wohnung zu suchen, dann wird das sowieso nichts und ich will sie doch raus haben. Und da sie doch noch Schulden aus einem Handyvertrag hat, muss ich doch eine Bürgschaft für die Wohnung unterschreiben,“ so die taffe Mutter dreier Kinder über ihre 19-jährige Tochter, die nach einem misslungenen Schulabschluss jetzt erst mal zu Hause sitzt. „Und liegt es nicht vielleicht an mir, dass sie jetzt so sind? Was habe ich denn alles falsch gemacht, dass es bei uns so läuft?“ Und so bleiben sie Kinder, die ihr Leben nicht in die Hand nehmen können, während Eltern sich zwischen Ärger und Schuldgefühlen oft ohnmächtig fühlen.

Gefragt in allen diesen Situationen sind Sie als Eltern: wenn Ihr Kind sich nicht auf den Weg macht, dann ist es Ihr Job etwas zu tun: die Verantwortung abzugeben, in aller Deutlichkeit. Das ist nicht mehr Ihr Leben. Nein, nein, auch wenn das einen Absturz, eine große Unsicherheit, Chaos bedeuten kann.
Der renommierte Psychiatrieexperte Klaus Dörner schrieb an die Mutter eines psychisch kranken Sohnes einen damals viel diskutierten Brief: Darin forderte er sie auf, an ihren Sohn zu glauben, ihm zu vertrauen und ihm auch zuzutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen und dieses nicht durch Unterhaltszahlungen und häusliche Versorgung zu verhindern. Sie möge ihren Sohn finanziell unterstützen, wenn er einer Ausbildung nachgehe, sich mit seiner Situation als psychisch Kranker auseinandersetze ..., aber nicht das untätige Verweilen in einem schwierigen Zustand absichern. Dieser Brief erregte viel Aufsehen, in demselben Band ist auch der Antwortbrief einer Mutter abgedruckt, die beschreibt, was dieser Brief bei ihr auslöste.
Freispruch der Familie, Dörner/Egetmeyer/Koenning Psychiatrieverlag 1995
S 185f,S.187fff
Sich um nichts mehr kümmern  Kann man das als Mutter, darf man das?

Die psychische Erkrankung ist eine noch größere Hürde, wenn es um Abgrenzung geht, hier ist jemand doch gar nicht in der Lage, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, ist oft der Tenor. Und sogar hier die klare Idee, es ist die Verantwortung der Person selber, es können alle Unterstützungen dieser Welt zur Verfügung gestellt werden, aber erst dann, wenn die Person selber sich mit ihrer Situation auseinandersetzt und Lösungen sucht.
Wie viel mehr gilt es für die erwachsenen Kinder, die sich damit beschäftigen müssen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Wenn dazu die Idee gehört, sich weiter versorgen zu lassen, abzuwarten und entspannt in den Tag zu leben, dann ist das eine Entscheidung, aber keine, die ich als Elternteil finanzieren oder täglich mit ansehen muss.

Wenn jemand aus Angst vor den Anforderungen von Schule und Arbeitswelt, aus Angst vor Misserfolgen lieber zu Hause bleibt, kann es eine große Unterstützung sein, vor die Wahl gestellt zu werden. Sie können Ihrem Kind Folgendes deutlich machen: „Zu Hause ist ein Platz für Dich, wenn Du Dich mit dem Leben auseinandersetzt. Du kannst Dich von hier aus auf den Weg machen, mit all Deinen Ängsten und Unsicherheiten, ich unterstütze Dich, wo es sinnvoll ist. Wenn Du das nicht möchtest, wenn die Ängste so groß sind, dass Du dich nicht bewegen kannst, wenn es anderes gibt, was Dich hindert, Dich zu bewegen, oder wenn Du es auch einfach ganz anders siehst, dann musst Du vielleicht in einer anderen Umgebung und auf eigenen Beinen Deine Kräfte und Ressourcen entdecken“.

Kinder werden nicht stark, wenn wir ihnen die Schwierigkeiten ersparen, sie werden stark, wenn es ihnen gelingt, Hürden zu überwinden. Das geht manchmal nur mit Hindernissen, Umwegen, Niederlagen: das sind Grenzen, die Orientierung geben. Reden, darüber, was sein sollte, erzeugt einen luftleeren Raum. Ihr Kind muss erleben können, was seine Entscheidungen für Konsequenzen haben. Es muss erleben, wenn ich diese Entscheidung treffe, dann hat das Konsequenzen und ich kann mir überlegen, ob ich unter diesen Voraussetzungen eine andere Entscheidung treffe. Das ist wie beim Wandern, wenn ich rechts herum gehe, komme ich vielleicht nicht zum Ziel oder ich erwische den mühsameren Weg, wenn ich links herum gehe, komme ich vielleicht ganz woanders hin, das gibt Orientierung und lässt Entscheidungsmöglichkeiten zu.

Ich höre die Fragen, wie sie in Beratungen und Gruppen immer wieder gestellt werden: „Heißt das dann, ich soll mich einfach nicht mehr kümmern und er/sie soll ab jetzt alles alleine machen? Heißt das, ich soll sie/ihn einfach hinausschmeißen?“


Die Antwort lautet ja ja nein nein ... es gibt keine eindeutige Antwort.

Es geht um die Trennung von Verantwortung und die Klarheit, wer was möchte, und immer wieder um Entscheidungen. Und es geht nicht darum, die liebevolle oder auch schwierige Beziehung zum eigenen Kind übertrieben hart zu machen. Ihr Kind ist für sein Leben verantwortlich, sie können dabei unterstützen. Sie können auch manchmal anschieben. Aber ein Auto wird auch nur angeschoben, wenn die Chance besteht, dass es zeitnah anspringt, Sie werden weder den Berg hoch noch kilometerlang anschieben. Die Frage der Dosierung, die Frage, wie und wo genau Grenzen gezogen werden müssen, wird in jeder Familie anders beantwortet.


Der Job der Eltern ist es, ihre Kinder ernst zu nehmen und ihre Entscheidung zu akzeptieren. Sie können oder sollten sogar zu den jeweiligen Entscheidungen Stellung nehmen. Sie können das gut oder schlecht finden, Alternativen anbieten, entscheiden tut das Kind. Und wenn diese Entscheidung auf Ihre Kosten geht, dann ist es Ihre Aufgabe, hier eine Grenze zu ziehen und dies nicht mitzumachen.
Das heißt konkret, Ihr Kind hat die Schule abgebrochen, hängt rum, hat keine Perspektive, ist zunehmend unsicher. Wenn es sich nicht bewegt, dann machen Sie ihm die Konsequenzen klar und ziehen Sie sie dann auch, dann muss es ausziehen und auf eigenen Füßen stehen.

Aber sie schafft das doch gar nicht, sich um all den Ämterkram zu kümmern“ (wieder die taffe Mutter mit der 19-jährigen Tochter).
Und schon sind Sie dabei, alles im Vorfeld zu organisieren und zu regeln, während Ihr Kind gar nicht in Bewegung kommt. Sie können das tun, ja und es beruhigt Sie und es ist der Sache nur begrenzt dienlich. Noch schwieriger wird es, wenn Ihr Kind sagt: „Das kann ich nicht alleine, hilf mir doch.“ Helfen ist oft nötig, aber vielleicht gibt es einen Punkt, wo es auch alleine gehen muss. Wie viele Entwicklungsschritte musste Ihr Kind machen, um als aufrechter Mensch sprechend und lesend durch die Welt zu gehen? Diese Schritte waren schwieriger und auch die konnte ihm keiner abnehmen, Sie konnten unterstützen. Wie lange dauert es, bis aus den ersten Lauten ganze Sätze werden? Ein Bruchteil von Zeitinvestition ist für die jetzigen Fragen nötig, also lassen Sie Raum zum Ausprobieren, bevor Sie eingreifen.
Und wenn Sie das alles lesen und sagen: „Das klingt gut, aber ich kann nicht, das halte ich nicht aus“, dann halten Sie die Situation im Hotel Mama vielleicht besser aus, als Konsequenzen zu ziehen. Dann ist es gut, regelmäßig zu überprüfen, ob das immer noch so ist und vielleicht die Vorwürfe dem erwachsenen Kind gegenüber in Grenzen zu halten, schließlich haben Sie da ein Problem. Und wenn es Ihnen dann wirklich stinkt, dann kann es hilfreich sein sich Unterstützung zu suchen, eine Beratungsstelle aufzusuchen, mit Freunden zu reden usw.

Und noch eines: Je enger die Bindung zu Ihrem Kind war, desto schwieriger kann es sein, sich abzugrenzen. Etwas eng Zusammengewachsenes zu trennen, kann mehr Mühe erfordern und geht nicht immer ohne leichte Beschädigungen, das ist fast unvermeidlich.
Und für Sie ist es an der Zeit, sich von einer Form des Elterndaseins zu verabschieden und die Elternrolle für ein erwachsenes Kind zu gestalten und zu entdecken.
Und für alle die sagen: „Ja, aber bei uns ist das alles kein Problem, ich lass mir doch nicht erzählen, ich müsste mein Kind vor die Tür setzen und überhaupt: Soll ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich immer noch die Wäsche wasche?“
Autonomie macht sich nicht am Wäsche waschen oder der Frage nach der Dosis der Fürsorge und Versorgung fest.
In der Einleitung steht es ganz deutlich: Es gibt unendlich viele Formen, wie Familien sich organisieren und ihre Beziehungen und Unterstützungssysteme gestalten, da wo die Autonomie der Einzelnen auf der Strecke bleibt, wo es nicht gelingt, den Übergang ins erwachsene Dasein halbwegs befriedigend zu gestalten, kann es notwendig sein, schärfere Schritte zu gehen. Dieser Prozess sollte in diesem Artikel näher beleuchtet werden. Wir wollen zu Entscheidung und Abgrenzung ermutigen, um eine Balance zwischen Ärger, Verzweiflung und Ohnmacht auf der einen Seite und Liebe, Mitgefühl und Unterstützung auf der anderen Seite zu finden. Und niemand sagt, dass das leicht sei.

Veronica Klingemann

Aus der Broschüre „18 Jahre-jetzt geht’s los“
Ratgeber für Alleinerziehende und ihre volljährigen Kinder

zu bestellen gegen Portokosten beim

Verband Alleinerziehender Mütter und Väter, Landesverband Berlin
Seelingstr.13
14059 Berlin
Tel.: 8515120
oder in Brandenburg
Verband Alleinerziehender Mütter und Väter, Landesverband Brandenburg