Veronica Klingemann
Praxis für Gestalttherapie
und Supervision


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Erfahrungen in der Gruppe

Einiges über die Pubertät und die Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern


Pubertät,

die eigene ist lange her und noch heute ist dieses Gefühl gegenwärtig: wie es ist, sich allein durch ein freundliches „Guten Morgen“ so richtig angemacht zu fühlen.
Geblieben ist eine Faszination für dieses Lebensalter, für die unglaubliche Energie, die Radikalität, die Sinnsuche. Nicht von ungefähr war mein erster Job nach dem Studium Arbeit mit Jugendlichen. Hier konnte ich nochmal aus einer anderen Perspektive, aber selber noch sehr jung lustvoll dieses Lebensalter begleiten. Wie wichtig das Erleben der Pubertät für die Entwicklung ist, wusste ich aus meinem erziehungswissenschaftlichen Studium.
Abgrenzung, Neuorientierung und Autonomie sind die Überschriften dieser Lebensphase. Und wie wir inzwischen auch wissen, ist das Gehirn der Pubertierenden in dieser Zeit eine Großbaustelle. Sie sind nicht nur so, zu einem Teil können sie auch nicht wirklich anders….

Die Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern im VAMV Berlin wurde ins Leben gerufen, als wir feststellten, dass es in den Beratungen immer wieder um massive Probleme mit den älteren Kindern ging und lange Jahre recht stabile Familien plötzlich in eine völlig neue Dynamik einstiegen. Auch die Frage nach dem anderen Elternteil stellte sich plötzlich mit ganz neuer Aktualität. Gleichzeitig gibt es aber in dieser Lebensphase nicht mehr die „Mütter/Väterzirkel, den engen Austausch mit (Eineltern)Familien in ähnlichen Situationen.

In die Gruppe kommen Mütter, weil ihre Söhne plötzlich nicht mehr zugänglich sind, nicht legalen Freizeitaktivitäten nachgehen, aggressiv werden oder sich depressiv verkriechen. Mädchenmütter kommen, weil sie tägliche Auseinandersetzungen nicht ertragen, Schuleschwänzen, übergriffiges Verhalten, Klauen erleben und sich u.U. aggressive Fragen nach dem anderen Elternteil anhören müssen. Warum will mein Vater nichts von mir wissen.?
Wer bis dahin noch keine Schuldgefühle hatte (und welche Eltern können das von sich sagen) der wird sie spätestens jetzt bekommen. Ein weiterer Baustein für die Riesenanstrengung, die diese Zeit erfordert.

Wir beschäftigen uns mit Fragen: was mache ich mit meinem Graffittisprüher, meinem Schulschwänzer, meiner Drogengefährdeten, meinem magersüchtigen Kind, den kriminellen Machenschaften meines Kindes, aber auch wie schaffe ich es, zuzuschauen, wenn das Kind unglücklich ist, an seine Grenzen kommt, sich abkapselt, von der Freundin verlassen wird.? Und was wird mit mir/uns, wenn mein Kind jetzt eigene Wege geht, habe ich wirklich alles getan.?

Bei all diesen Fragen gibt es nicht wirklich einen Unterschied zwischen den verschiedenen Familienformen. Aber natürlich ganz andere strukturelle Rahmenbedingungen und Ressourcen. Wenn nur ein Erwachsener in der Familie lebt, dann ist auch nur ein Geschlecht vertreten, es gibt weniger Schultern, auf die sich die unglaubliche Energie und Aggressivität verteilen kann (Weniger Sparringspartner) und die Abgrenzung mag schwerer fallen. In Patchworkfamilien gibt es genau das Gegenteil, ein großes komplexes Feld mit vielen Angriffsmöglichkeiten und manchmal viel Zerstörungspotential. Und nicht zu vergessen, materielle Ansprüche spielen eine große Rolle in dieser Zeit, parallel dazu, dass bei ausbleibendem Unterhalt auch die Unterhaltsvorschußkasse nicht mehr einspringt.

Und für alle die sagen, oh nein so schlimm wird es bei uns nicht, die mich in Tagesworkshops, bei Infoveranstaltungen oder auch bei Eintritt in die Gruppe fragen, wie kann ich verhindern, dass es Probleme gibt: oder wie komme ich ohne Auseinandersetzung durch die Pubertät:, die schlechte Antwort lautet: das geht nicht, die gute Antwort : es zahlt sich aus.

Wir kämen nie auf den Gedanken unsere Kinder nicht laufen lernen zu lassen, nur weil sie sich dabei verletzen können. und wir aufmerksam dabei sein müssen. In meiner Therapiepraxis habe ich es immer wieder mit den nachhaltigen Folgen insbesondere bei Frauen zu tun, die keine Pubertät hatten bzw. ihren Autonomiewunsch zurückgestellt haben bzw. zurückstellen mußten. Manchmal gibt es Gründe und Umstände dies zu tun, aber wann immer es möglich ist, brauchen Jugendliche diese Zeit für die Bearbeitung ihrer Großbaustellen, für die Ablösung von den Eltern, für den Mut zum Konflikt und es ist schön, wenn sie dabei unsere Unterstützung haben. Liebe und Unterstützung, wie in allen Lebensphasen, aber auch deutliche, sehr deutliche Grenzen, Sicherheit in der Verteidigung unserer Lebensentwürfe und unserer Abgrenzung. Denn es geht nicht darum, das Haus einstürzen zu lassen, Jugendliche rütteln ordentlich an den Grundmauern und testen die Stabilität.
So ist die Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern neben der Auseinandersetzung mit der Situation der erwachsen werdenden Kinder auch der Ort für die Fragen nach dem eigenen Leben und der eigenen Perspektive. Und manchmal einfach nur der Ort sich in diesen anstrengenden Zeiten nicht alleine zu fühlen und sich Unterstützung bei anderen zu holen. Und wir freuen uns, wenn es noch mehr Väter gibt, die dies Angebot für sich nutzen.

Veronica Klingemann, Dipl.-Päd., Gestalttherapeutin, Supervisorin, DVG

Noch ein Buchtip: Barbara Strauch: „Warum sie so seltsam sind“, Gehirnentwicklung bei Teenagern, Berliner Taschenbuch Verlag.